Wintereinbruch 2021 in Jena & Umgebung

February 25, 2021

Der Winter 2020/2021 gestaltete sich für den Raum Jena überraschend aus Wechseln zwischen Frost und Wärme. Besonders der Februar stellte dieses Wechselspiel herausragend krass dar - Das ganze im Zusammenhang eines Flockdowns im Lockdown, welcher seinem Namen alle Ehre machte. Das Winterintermezzo im Februar hatte so einige Sensationen parat, denn der Auftakt geschah mittels einer Luftmassengrenze (LMG), welche Saharastaub mit sich führte. So sammelte sich bis zum Morgen des 7. Februar eine Schneedecke samt Schneewehen mit Saharastaub und feinen Eisgranulat an, denn diese Wetterlage brachte durch einen starken Warmlufteinschub in der Höhe sogar Eisregen mit sich und sorgte besonders in Hessen u.a. für schwere Behinderungen. Im Zuge dessen entwickelte sich auf der windabgewandten Seite der Alpen (also nördlich der Alpen) ein kleinräumiges Tiefdruckgebiet, welches in der Nacht zum 8. Februar dem Ganzen eine gewaltige Schippe Schnee noch oben drauf packte (sprichwörtlich). Der Raum Jena befand sich in einem besonders niederschlagsträchtigen Streifen, so fielen im Thüringer Becken ca. 10cm weniger. Schlussendlich lagen im Stadtgebiet selbst 41cm (Allzeitrekord an der Station Jena-Sternwarte), in der Umgebung bis zu 50cm.

Schneehöhe in Bucha bei Jena mit ca. 46cm

Am Montag wurde aufgrund der Wetterlage verbreitet der Schulbesuch in Thüringen ausgesetzt, weswegen ich auch die Zeit fand, eine erste Tour zu drehen. Die Stille, die Schnee mit sich bringt, macht sich besonders in Bucha bemerkbar. Ein Dorf, welches seit 2014 direkt den Autobahnverkehr vor den Türen hat, war trotz Lärmschutzmaßnahmen je nach Wetterlage dennoch vom Verkehrslärm betroffen, doch am Vormittag diesen Montags war alles ruhig.

Der Verkehr stand still, denn der Winterdienst war schier überfordert, denn es fiel nahezu die doppelte Menge an Schnee, als es von den meisten Wettermodellen berechnet wurde. Gegen 14:30 begann der Verkehr wieder zu fließen, zwar spärlich, aber es ging wieder los.

Die Beine versinken nur so im Schnee..
Vereiste Hosenbeine nach Stunden im Schnee

Zusammen mit Lionell Bischof war ich an diesem Tag entlang der A4 zwischen Bucha und Jena unterwegs und wir hielten die ersten Impressionen des Wintereinbruchs fest. Dabei gestaltete sich die Wanderung als leicht schwieriger, als gedacht, denn auf Dauer im knietiefen Schnee zu laufen kostet Kraft und Zeit.

Einfach mal bei ihm mit vorbeischauen: https://fotograf-thueringen.webflow.io/

Das Feeling an sich war unglaublich - Das letzte Mal so viel Schnee gab es erst Weihnachten 2010, damals interessierte mich mit meinen 8 Jahren die Tatsache wenig, wie viel Schnee liegt oder was er für eine Stimmung auslöst - Hauptsache Schnee! Doch nun, etwas mehr als 10 Jahre später, betrachtet man das ganze nochmal mit ganz anderen Augen, man beobachtet und genießt, denn wann wird man mal wieder so viel Schnee wohl haben, und das im Flachland?

Die Straßenräumung nahm im Tagesverlauf so mehr und mehr seinen Lauf, so dass der nötigste Verkehr wieder fließen konnte. Doch in den Städten, besonders in Jena, Leipzig, Halle usw. ging einiges nicht mehr. Der ÖPNV wurde vielerorts komplett eingestellt, der Straßenverkehr kam ebenfalls zum erliegen. So erledigten die Leute ihre Dinge per Skilanglauf oder liefen in die Stadt. Über Nacht zeigte die Natur auf, wie ein Lockdown zu funktionieren habe und so taufte man das Ereignis schnell in "Flockdown" um.

Eine weitere Tour durch den Schnee plante ich für den 10. Februar in Jena. Der Tag begann an sich recht entspannt, aus einer flachen Wolkendecke entlang einer Inversion (Temperaturumkehr mit der Höhe) fiel seicht und leise etwas Schnee. Im Verlauf des Vormittages riss die Bewölkung dann immer weiter auf und es konnte ein weiteres meteorologisches Phänomen beobachtet werden: Polarschnee. Dieser definiert sich dadurch, dass in der Luft vorhandene Feuchte auskristallisiert und herabfällt - ohne oder mit nur wenigen Wolken. Normalerweise besteht dieser dann nur aus Eisnadeln, doch an diesem Tag fielen ganze Schneeflocken (Dendriten) herab - Erstaunlich!

Das HKW Jena-Winzerla zeigt, wie die Inversion verläuft - Bis zu dieser steigt der Dampf nahezu senkrecht auf, ehe er breitläuft...

In Polarschnee lassen sich bestenfalls Halos wie in Eisnebel beobachten. Denn hier kann man die Entstehung nahezu hautnah erleben - Und wie als hätte man meinen Wunsch erhört, kämpfte sich die Sonne über die Dampfschwaden des HKW hinweg und brachte die Luft zum Glitzern. Ein schwacher Zirkumzenitalbogen konnte beobachtet werden...:

Für besser Kenntlichkeit des ZZB wurde eine Unschärfenmaske verwendet

Am Mittag ging es schließlich auf den Hausberg in Jena, um dort die Winterstadt zu betrachten. An einem Neubaugebiet an der Wilhelmshöhe angekommen, nahm ich zunächst den verschneiten Landgrafen ins Visier. Noch nie, seitdem ich mich mit meinen jungen Jahren erinnern kann, habe ich ihn so verschneit gesehen:

Verschneiter Landgraf mit Funk-/Aussichtsturm

Auch innerhalb des Zentrums ergaben sich nette Perspektiven - Vom Berg herab wirkte alles ruhig und schön, keine Anzeichen von den verkehrstechnischen Umständen in der Stadt - Der ÖPNV lief in Form eines Notfallplans, die Hauptverkehrswege waren bis dahin nur geräumt, man wurde der Schneemassen nicht Herr.

Blick ins Zentrum mit Roter Turm (u.l), Rathaus (m.l), Jentower (o.l.) und Johannistor (o.r.)
Freidens- und Stadtkirche (v.l) mit Blick zum Landgrafenviertel

Anschließend ging es für mich ins Ziegenhainer Tal, um auf die Saale-Horizontale, ein über 100km langer Wanderweg entlang des Saaletals, zu gelangen und die Winterstimmung festzuhalten. Die Straßen waren auch hier "dürftig" den Umständen entsprechend geräumt, während erste Eiszapfen die Dachrinnen auf den sonnenzugewandten Seiten zierten.

Blick von Ziegenhain auf den JenTower
Verschneite Kirche von Ziegenhain

Mein Ziel des Tages war eine Stelle auf der Horizontale, bei der man auf den Fuchsturm - einstiger Bergfried einer Burganlage - blicken konnte. Für das passende Foto ging es dabei für mich ziemlich nahe an die steilen Hänge heran und das im knietiefen Schnee. Auch hier traten nochmals Polarschneefälle auf, die das Tal unter mir in ein glitzerndes Paradies verwandelten. Halos entstanden dabei jedoch nicht noch einmal.

Eine weitere Tour plante ich zusammen mit dem Klimatologen Karsten Haustein am Freitag der Winter-Paradies-Woche. Dabei ging es zunächst für uns auf die Ammerbacher Platte, welche südwestlich des Stadtzentrums liegt. Karsten hatte einen Zollstock dabei, welcher noch genau die Schneehöhe vom 25. Dezember 2010 markierte. Auch dieser kam nun wieder zum Einsatz und zeigte auf, dass sich die verbreiteten 40-45cm Schnee schon auf unter 40cm gesetzt hatten. Auf der Ammerbacher Platte angekommen, blickte man nun von der anderen Seite des Tals auf die verschneiten Berge.

Hausberg & Fuchsturm

Auch eine nette Perspektive auf das Zentrum stellte sich ein, weswegen ich mir vornahm, nochmals am Abend im Dunkeln auf die Ammerbacher Platte zu steigen. Der Schnee war nach wie vor knietief und forderte beim Aufstieg einiges ab.

Das Stadtzentrum von Jena mit Bau 36, Bau 15 & Bau 59 sowie Bau 71 & Stadtkirche (v.l.), davor die Schottwerke.

Von der Ammerbacher Platte gingen wir weiter zum so genannten Haeckelstein, wo sich ein nettes Panorama zusammen mit dem Himmel über dem Ammerbacher Grund bot.

Panorama der Winterszenerie

Dabei war auch wieder das HKW Jena-Winzerla auszumachen zusammen mit den Plattenbauten von Jena-Lobeda.

Als nächstes nahmen wir uns den Bismarck-Turm vor, welcher über dem Schottplatz, ein ehemaliges Sowjet-Übungsgelände, zu erreichen ist. Parallel unterhielten Karsten und ich uns über vergangene Wetter- und Winterlagen - Gemeinsame Wanderungen sind doch nochmal was anderes als alleinige Touren ^^

Allee zum Bismarckturm

Mit Sonnenuntergang wurde es dann doch recht schnell kühl und wir stiegen rasch den Berg hinab mit dem Ziel, sich in der Stadt unter Coronabedingungen was zu Essen zu organisieren. Nachdem das erledigt war, liefen wir noch zusammen durch den Stadtpark, ehe sich unsere Wege trennten - Ich nahm damit mein Vorhaben der abendlichen Perspektiven nochmals vor und ging nochmal auf die Ammerbacher Platte. Das HKW präsentierte sich dabei in mystischer Stimmung der scheinbaren Stille, die Schnee mit sich bringt...

Blick auf das HKW, rechts und links sind Plattenbaugebiete von Winzerla & Lobeda zu erkennen. Ein zweiter Schornstein wurde 2019 abgerissen, wo nun 3 große Wasserboiler zur Fernwärmenutzung errichtet werden

Auch die Perspektive auf das Stadtzentrum nutzte ich nochmal, wobei durch Abkühlung bedingte wasserdampfgesättigte Luft die Sicht mehr und mehr trübte. Kahl prangt die Stelle hervor, an der noch im Oktober 2020 die roten Leuchtbuchstaben einer E-Commerce Firma in Jena angebracht waren. Anschließend ging es auch für mich wieder nachhause.

Während in meinem Heimatort der Teich für das Eislaufen freigegeben war, nutzte ich am 14. Februar das bombastische Kaiserwetter für meine vierte und letzte Tour rings um Jena - für die nächsten Tage wurde Tauwetter angekündigt. Dabei ging es für mich dieses mal wieder auf die Saalehorizontale, besser gesagt auf die Kernberge südöstlich des Stadtzentrums. An der so genannten Kupferplatte angekommen, zeichnete sich bei Sonnenschein eine nette Perspektive ab.

Panorama von der Kupferplatte über Jena

In den Kernbergen selbst gibt es eine Verwerfung im Gestein, welche liebevoll von den Jenensern als Studentenrutsche getauft wurde. Ob sie wirklich zum Rutschen genutzt wird, ist fraglich, doch ließen sich einige Rutschspuren im Schnee erkennen.

Markant stechen die Felsvorsprünge unter dem Schnee hervor

Die Saale Horizontale ist ein Wanderweg, welcher Jena von zwei Seiten umschließt und in Dornburg/Camburg, ca. 30km nördlich der Stadt, auf die andere Seite des Saaletals führt. Dabei gibt es Passagen, welche an steilen Felshängen entlangführen, so auch in den Kernbergen in Jena. Nur ein schmaler Trampelpfad im Schnee lässt den Verlauf des Wanderweges erkennen:

Für mich ging es anschließend von der Kupferplatte über die mittlere Horizontale zur oberen Horizontale und von dort auf einen weiteren Berg der Kernberge, welcher durch einen blauen Funkmast markant die Erhebung kennzeichnet. Mittlerweile zogen vermehrt Schleierwolken auf, welche vom kommenden Tauwetter kündeten.

Blick über das Saaletal in Richtung Südwest, seicht rieselt Schnee immer wieder von den Bäumen...

Am Funkmasten angekommen, ging es von dort aus weiter zum Dietrichstein, welcher eine ähnliche Aussicht auf das Stadtzentrum wie von der Kupferplatte eröffnet.

Blick auf das Stadtzentrum mit Cospeda, einer kleinen Ortschaft norwestlich von Jena
Detailaufnahme von JenTower und Landgrafen, auf der Erhebung dahinter (Napoleonstein) tummeln sich einige Menschen im letzten Rodelspaß
Blick auf einen der Kernberge mit Funkmast

Nach beendeter Tour auf den Bergen ging es zurück ins Stadtzentrum von Jena, nicht ohne jedoch vorher eine Aufnahme vom "Alpenglühen" des Jenzig, der Hausberg von Jena, zu machen.

Somit ging eine außergewöhnliche Winterwoche in Jena zu Ende, die unter anderem einen neuen Schneehöhen-Rekord mit sich brachte und für ein unvergessliches Winterfeeling sorgte. Statistisch lässt sich solch ein Winterereignis aller 10-20 Jahren erleben, doch es ist immer wieder eine saganhafte Sensation, wenn selbst für wenige Tage mal Schnee in Jena oder auch der "Toskana Thüringens" liegt. Innerhalb weniger Tage taute ein großer Teil des Schnees ab, wobei die Temperaturen nach einer Woche im 20er Bereich gipfelten. Skurril, dabei noch Schneereste in einigen Ecken zu entdecken, egal ob zusammengeschoben oder noch in schattigen Ecken liegend.

Der Winter 2020/2021 fiel damit dennoch zu warm aus und auch der reichliche Schnee konnte die Grundwasserstände nach vorangegangenen zu warmen und trockenen Jahren wenig Verbesserung herbeiführen. Das Klima ist im Wandel und die Gewohnheiten des Wetters damit auch...

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